Thomas Jonigk hat im Auftrag des SWR eine Hörspielfassung seines im Februar 2016 erschienenen Romans „Liebesgeschichte“ erstellt. Voraussichtlicher Sendetermin wird September 2017 seinliebesgeschichte Roman 2016 Thomas Jonigk

Erstausgabe 2016
224 Seiten, 21×13 cm, gebunden
ISBN 978-3-85420-975-1

Erscheinungsdatum: 5. Februar 2016

Literaturverlag Droschl Graz-Wien
www.droschl.com

 

Eines Abends nach den Ordinationsstunden taucht in der Praxis des praktischen Arztes Alexander Wertheimer ein dubioser und verängstigter Mann auf. In seiner Begleitung eine schwer verletzte, vermutlich minderjährige Ukrainerin. Liebesgeschichte ist das Protokoll, das Wertheimer von dieser Begegnung mit Maria Melnyk und von den fatalen Folgen, die daraus erwachsen, anlegt.
Persönliche Erinnerung, Bekenntnisschrift, Verteidigungsrede und Schuldeingeständnis gleichzeitig, ist dieses Protokoll ein Kosmos aus Pathologie und Gewalt, der vom Erzähler aber als Liebe und leidenschaftliche Zuneigung wahrgenommen wird. Thomas Jonigk wirft in seiner unverwechselbaren eleganten Stilistik das übliche Täterprofil über den Haufen – Alexander Wertheimer ist ein reflektierender, feministisch denkender, Andrea Dworkin und Ingeborg Bachmann zitierender Mann, dem das alles nicht passieren dürfte; aber er ist leider auch ein sich selbst ausgelieferter Mann, der einem bei der Lektüre, auch wenn er sich völlig schutzlos darbietet, von Seite zu Seite unheimlicher wird.
Jonigks Meisterschaft in der Darstellung von Gewalt und Abhängigkeiten in Familien-, Sex- und Liebesbeziehungen, der Macht der Phantasien und der Sehnsucht nach Erlösung erweist sich auch in Liebesgeschichte, wo er seinen subversiven Witz ganz besonders verstörend einsetzt.

Auszug aus: LIEBESGESCHICHTE
Ein Ziehen, irgendein unerträglicher Schmerz fährt einmal quer durch meinen Körper: Der Gedanke, dass ich Maria gleichgültig bin, dass ich ihr »am Arsch vorbeigehe«, ist unerträglich und beweist gleichzeitig, dass Frau Anwart in allen Punkten Recht hat: Ich bin auf derartig abnorme Weise bedürftig und gierig nach Zweisamkeit, dass ich mich in etwas hineingesteigert habe, das weit davon entfernt ist, Realität zu sein. Mein Kopf liebt, begehrt, missbraucht, vermisst Maria und glaubt, ohne sie nicht leben zu können, aber bei genauer Betrachtung fällt sogar mir auf, dass ich sie nicht einmal mag.
ICH BLICKE AUF SIE HERAB.
Es tut mir leid, sagt Frau Anwart. Sie müssen sich nicht entschuldigen, sage ich. SIE tun mir leid, sagt Frau Anwart. Sie fragt, ob ich ihr sagen könne, wie mir zu helfen sei, aber ich antworte nicht, weil schon wieder diese Laute aus mir herausbrechen, dieses verwahrloste Tier, das von der Welt gestrei- chelt werden will, obwohl nicht einmal ich es anfassen würde. Ich, sage ich und wünsche mir, dass Frau Anwart den Arm um mich legt, wie früher, als ich der Meinung war, meine Eltern seien ein durch- schnittlich zufriedenes Ehepaar, sehr viel früher, als meine Mutter noch nicht diesen strengen Körpergeruch (eine Mischung aus Moschus und getrocknetem, nach Heu duftendem Schweiß) hatte, der immer wieder Schwindelgefühle/Übelkeit in mir ausgelöst hat. Gleichzeitig weiß ich, dass Erinnerungen an Kindheit und biologische Familie nichts mit dem zu tun haben, wer ich bin, was ich getan habe und worum es in diesem Augenblick geht.
MEIN LEBEN.
(Auszug aus: LIEBESGESCHICHTE)

„Liebesgeschichte“
| Erstausgabe 2016 als Hörspiel