Oder: Von der Unmöglichkeit über „Glowing Core“
(bzw. kunst-werke im allgemeinen) zu schreiben.

von Thomas Jonigk

1.

Wie über „Glowing Core“ schreiben? Texten über Kunstwerke haftet nicht selten etwas (in Bezug auf das Kunstwerk) Ausbeuterisches an, ein parasitärer, vampiristischer Beigeschmack. Auch Texte über Kunstwerke, die selbst Kunstwerk sein wollen, sind (fürchte ich) zum Scheitern verurteilt. Zur Zweitklassigkeit. Gleichzeitig werden akademische, wissenschaftliche Annäherungsversuche an Kunstwerke überbewertet: Die Kunst – wie Joseph von Eichendorff in (seinem 1815 erschienenen Roman) „Ahnung und Gegenwart“ schreibt – „will und soll zu nichts brauchbar sein“, schon gar nicht will sie in Erklärungsmodelle, Interpretationsversuche und Kommentaranlagen hineinverkleinert bzw. –bagatellisiert werden. Kunstwerken wohnt Geheimnis inne, Verschlossenheit, sie genießen Vorrang vor uns, sind und bleiben in ihrem „glühenden (strahlenden, leuchtenden) Kern“ unerreicht. Den maßgeblichsten, bemerkenswertesten unter ihnen ist das Privileg zu eigen, auf der rationalen Ebene unverstanden sein zu müssen, eher Assoziation, Andeutung, Schwingung, Störung, Irritation oder Erinnerungsmodul zu sein als Gebrauchsanweisung, Argumentgrundlage oder Bildungsdetail. Und genau deshalb sträube ich mich, meine Eindrücke bezüglich Rebecca Horns Intervention „Glowing Core“ in der Berliner Hedwigs-Kathedrale in Worte zu fassen. Nur habe ich leider (aus mir unerfindlichen, aber möglicherweise interessanten Gründen) dem Verfassen eines diesbezüglichen Essays zugesagt.

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von Thomas Jonigk

1.

Wie über „Glowing Core“ schreiben? Texten über Kunstwerke haftet nicht selten etwas (in Bezug auf das Kunstwerk) Ausbeuterisches an, ein parasitärer, vampiristischer Beigeschmack. Auch Texte über Kunstwerke, die selbst Kunstwerk sein wollen, sind (fürchte ich) zum Scheitern verurteilt. Zur Zweitklassigkeit. Gleichzeitig werden akademische, wissenschaftliche Annäherungsversuche an Kunstwerke überbewertet: Die Kunst – wie Joseph von Eichendorff in (seinem 1815 erschienenen Roman) „Ahnung und Gegenwart“ schreibt – „will und soll zu nichts brauchbar sein“, schon gar nicht will sie in Erklärungsmodelle, Interpretationsversuche und Kommentaranlagen hineinverkleinert bzw. –bagatellisiert werden. Kunstwerken wohnt Geheimnis inne, Verschlossenheit, sie genießen Vorrang vor uns, sind und bleiben in ihrem „glühenden (strahlenden, leuchtenden) Kern“ unerreicht. Den maßgeblichsten, bemerkenswertesten unter ihnen ist das Privileg zu eigen, auf der rationalen Ebene unverstanden sein zu müssen, eher Assoziation, Andeutung, Schwingung, Störung, Irritation oder Erinnerungsmodul zu sein als Gebrauchsanweisung, Argumentgrundlage oder Bildungsdetail. Und genau deshalb sträube ich mich, meine Eindrücke bezüglich Rebecca Horns Intervention „Glowing Core“ in der Berliner Hedwigs-Kathedrale in Worte zu fassen. Nur habe ich leider (aus mir unerfindlichen, aber möglicherweise interessanten Gründen) dem Verfassen eines diesbezüglichen Essays zugesagt.

2.

Friedrich Schlegel hat es für die Literatur treffend ausgedrückt, wenn er schreibt „dass die Worte sich selbst oft besser verstehen, als diejenigen, von denen sie gebraucht werden“. Dieses Vorrecht sollten wir ihnen (und der Kunst insgesamt) nicht rauben. Die Kunst dient in erster Linie dem Künstler bzw. der Künstlerin. Oder sich selbst: Ihre (immer wieder Sinn aufscheinen lassende) Sinnlosigkeit wird in der ästhetischen Theorie als „Autonomie der Kunst“ bezeichnet, die ihren Wert nicht daraus bezieht, als Gebrauchsanweisung für Politik, Ethik oder gesellschaftliche Reformen gelesen und angewendet werden zu können. Kunstwerke sind Entitäten des Unsagbaren. Des Enigmatischen. Und wir, in unserer erkenntnistheoretisch überwucherten und metaphysisch entwurzelten Welt, in der so vieles erklärt, aber kaum etwas verändert werden kann, wir sollten uns mit aller Entschiedenheit davor schützen bzw. bewahren, das Enigmatische (wie das so viele Sekundärtexte tun) des Enigmatischen entkleiden zu wollen. Das Abstrakte des Abstrakten. Die Frage ihres Fragezeichens zugunsten eines Punktes, der z.B. am Ende einer Analyse oder kunstwissenschaftlichen Untersuchung steht und selten etwas auf den Punkt bringt. „Glowing Core“, jedes Kunstwerk an sich, hat das Recht, uns uneinholbar voraus zu sein, zwingend, bedingungslos, eröffnend, überflüssig, sinnlos und großartig zugleich. Die ihm innewohnende Würde des Widerspruches, das Kompromisslose seiner Unantastbarkeit, seine bedürfnislose Komplexität oder exhibitionistische Subjektivität, all diese Aspekte und Erscheinungsformen üben einen Sog auf den Betrachter aus, der Wissensvorsprung des Kunstwerkes uns gegenüber macht fassungslos, traurig, nicht selten sogar süchtig: Das Kunstwerk sitzt an der Quelle der Erkenntnis, eines ebenso unheimlichen wie unaussprechlichen Gespürs für Welt und Zusammenhänge. Es ist Klang, Form, Materie gewordene Ahnung, der wir uns besser nicht besserwisserisch, sondern (beispielsweise) neugierig, demütig, erforschend, skeptisch oder (warum nicht auch) ablehnend nähern. Die Betrachtung eines Kunstwerks kommt einer Preisgabe gleich, denn (siehe Rainer Maria Rilke) „(…) da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“. Der amerikanische Theologe und Philosoph George Berkeley (+1753) drückt es so aus: „Sein ist Wahrgenommensein“ – und greift damit der Quantenphysik voraus, eine Disziplin, die uns lehrt, dass es keine objektive Realität gibt, sondern dass der Mensch seine eigene, subjektive Wirklichkeit mittels Beobachtung kreiert. Dadurch wird der Determinismus eines Newtonschen Weltbildes in seinem Absolutheitsanspruch zugunsten einer kreativen, vom Geist gesteuerten Wirklichkeit (bzw. Materie) abgelöst. Somit sagt jede Beschreibung eines Kunstwerkes mehr über den, der es beschreibt, als über das Kunstwerk selbst. „Als Maler ist es das Schönste“, konstatiert die amerikanische Künstlerin Keltie Ferris (geb.1977), „wenn die Menschen in deinen Bildern etwas Anderes sehen als das, was du beabsichtigt hast“, und stellt damit auf ihre Weise klar, dass es so etwas wie eine Deutungshoheit, eine zutreffende bzw. unzutreffende Deutung eines Kunstwerkes nicht geben kann. Gleichzeitig ermächtigt sie den Betrachter, sich ihrer bildnerischen Arbeit gegenüber zu positionieren. Subjektivität zu formulieren. Haltung zu beziehen. Rebecca Horns „Glowing Core“ und ich. Der Essay. Ich sehe schon, dass mir nichts Anderes übrigbleibt, als ihn zu schreiben.

3.

„(…) Eingesperrt in ein kleines Zimmer, / wo zum Überleben / die Welt im Kopf entstehen kann.“ Das sind die Schlusszeilen eines Gedichtes von Rebecca Horn, die durch meinen Kopf kreisen, während ich mich an mein erstes Begehen der Welt von „Glowing Core“ erinnere. Parallel dazu die Frage: Ist mein Kopf das (oben zitierte) kleine Zimmer oder die (ebenfalls oben zitierte) Welt? Oder anders gefragt: Wenn mein Denken und meine Imagination in der Lage sind, eine Welt bzw. Welten zu erschaffen, warum empfinde ich mich als potentiell eingesperrt, eingeschränkt und begrenzt? Ich erhalte keine Antwort: „Glowing Core“ schweigt. Gleichzeitig fordert es mich in beide Richtungen bzw. Optionen: Die Installation aus Gold und Spiegeln suggeriert Weite bzw. Unendlichkeit des Kosmos, Schwerelosigkeit, Mühelosigkeit, Erdung und Transformation; Wände und Kuppel der Hedwigs-Kathedrale hingegen konfrontieren mich mit meinen bzw. Grenzen allgemein: So weit und nicht weiter, mein Geltungs- und Aktionsradius, meine Ausbruchs- und Befreiungsmöglichkeiten verkümmern angesichts der historischen Mauern zur Illusion. Zur Hybris. Eine weitere (beunruhigende) Frage: Bin ich Teil des (von Rebecca Horn geschaffenen) Kosmos oder verkörpere ich einen Störfaktor? Verstohlene Blicke in einige der diversen horizontal wie vertikal platzierten Spiegel vermitteln mir immer wieder ernüchternde Einblicke in die Imperfektion meiner äußeren Erscheinung, meines menschlichen Seins. Und die begründet sich nicht in meiner (von Sturm und Regen derangierten) Frisur oder irgendeinem anderen Detail meiner äußerlichen Erscheinung: In diesem gleichgewichtigen, vollständig austarierten und von oben bis bzw. nach unten harmonischen Umfeld von „Glowing Core“ wirke ich merkwürdig anfällig für Gebrechlichkeit, Alterung, Krankheit und Vergänglichkeit im Allgemeinen. Die Selbstauflösung meines Körpers scheint nur darauf zu warten, einsetzen zu dürfen, damit endlich die erste Madengeneration aus mir schlüpfen darf und ich der Erhabenheit und Schönheit von „Glowing Core“ nicht mehr anmaßend im Weg stehe. Gleichzeitig weiß ich, dass es ohne mich auch „Glowing Core“ nicht gibt. Ich – der Betrachter – werde über die Spiegel zum Betrachteten und somit zum festen Bestandteil der Installation, die mich unbarmherzig bei meiner Eitelkeit packt und meine Kunstaffinität bzw. metaphysische Sensibilität als Narzissmus entlarvt. Denn genau wie der Namensgeber des Terminus „Narzissmus“ (der aus Sicht vieler Menschen eine Persönlichkeitsstörung bezeichnet) blicke ich in Spiegelflächen wie er in sein Bild im Wasser einer Quelle und erliege dem Wunsch, ich sei das Zentrum des sich um mich drehenden Universums, vergleichbar der um die Erde kreisenden Sonne in einer präkopernikanischen Welt: eine sinnliche wie intellektuelle Sensation. Eine Illusion. Verstörend bei all dem ist jedoch die Tatsache, dass meine Reflexion sich mir immer wieder entzieht. Aus einer bestimmten Haltung heraus werde nämlich nicht ich im (sich permanent bewegenden) Spiegel sichtbar, sondern das Antlitz eines Anderen, eines (mir zufällig gegenüberstehenden) Besuchers, der mich wiederspiegelt und zu meiner Reflexion wird, als sei er ich: Ein (im wahrsten Sinne) metaphysischer, meine Identität in Frage stellender Augenblick. Die rotierenden Spiegelflächen scheinen ihre Entsprechung in meinen endlos (um sich selbst) kreisenden Gedanken zu finden: „Gott fällt ins Denken ein“ hätte der französische Philosoph Emmanuel Lévinas (+1995) das genannt – und zwar „im Antlitz des Anderen“. Der Andere ist anwesend, er ist ich, aber ungleich bedeutender als ich. In ihm – und somit auch in „Glowing Core“ – wird (laut Lévinas) eine „Spur des Unendlichen“ erkennbar, die mich in eine kategorische „Verantwortung“ für mein Gegenüber zwingt. Und somit auch für mich. Dieser Gedanke bringt mich zurück in die (bereits erwähnte) „Welt im Kopf“, die dem „in einer Perle gesammelten Universum“ zu entsprechen scheint, das Rebecca Horn in einem weiteren ihrer Gedichte evoziert. Mein Gegenüber und Ich, „Glowing Core“ und die Hedwigs-Kathedrale, Diesseits und Jenseits, alles eins, alles ineinander verwischt, abwesend und anwesend zugleich: In dieser Welt von Rebecca Horn existiert keine verlässliche Trennungslinie zwischen Innenwelt und Außenwelt, Kategorien wie Vertikal und Horizontal, Oben und Unten, Gestern und Morgen, Sakral oder Profan sind zweitrangig. Alles greift ineinander, ähnlich den russischen Matrjoschka-Puppen beinhaltet das in einer Perle enthaltene Universum unendlich viele weitere Perlen, die (naturgemäß) unendlich viele weitere Universen enthalten. Tatsächlich bekomme ich (je länger ich mich in „Glowing Core“ aufhalte) einen Eindruck dessen, was es bedeuten könnte, der Welt (Friedrich Rückert zitierend) nicht „abhandengekommen“, sondern geschenkt zu sein. Momentweise fühlt sich für mich als Ich alles hundertprozentig richtig an. Stimmig. Alternativlos. Auf diese Ruhe, Klarheit und Konzentration möchte ich nicht wieder verzichten müssen, selbst die Musik von Hayden Chisholm trägt zu diesem Nichts, diesem ablenkungslosen Vakuum bei, in dem Vulgarität, Zynismus, Ablenkung und jegliche Form von Entertainment (endlich und erfreulich effektiv) in sich selbst ersticken. Ich, meinerseits, atme auf. Es ist wahr, auch auf die Gefahr hin, als verkitscht oder esoterisch eingeordnet zu werden: Kunst braucht Metaphysik. Kunst braucht die klaffende Wunde eines erfahrenen Verlustes, ohne den keine Feier dieses grauen, verregneten Berliner Herbstabends bzw. keine Umdeutung des zeitgenössischen Daseins in Schönheit vorstellbar wäre. Keine Sehnsucht nach Mehr. Was darunter (unter Mehr bzw. Schönheit) zu verstehen bzw. welcher Art der Verlust oder die Wunde (oder wodurch sie entstanden ist) sein könnte, spielt keine Rolle. Ich lausche interessiert einer Stimme, die aus der Tiefe, aus irgendeinem glühenden (strahlenden, leuchtenden) Kern heraus immer und immer wieder die Phrase „Hier und jetzt. Und zwar auf der Stelle“ formuliert, erst undeutlich flüsternd, kurz darauf penetrant gutgelaunt (und zunehmend lauter), jetzt im anmaßenden Befehlston.
Hier und jetzt. Und zwar auf der Stelle. Gar nicht mal schlecht. Besser hätte ich selbst bestimmt nicht ausdrücken können.

4.

Immer mehr Menschen strömen in die Hedwigs-Kathedrale. Ich schlage meinen Mantelkragen hoch und bewege mich in Richtung Ausgang. Besuchermassen sind erfreulich, tragen aber nicht zur Intensivierung meines Kunsterlebnisses, meiner (nur fragmentarisch bzw. unzulänglich zu vermittelnden) Ich-Erfahrung und meines philosophisch-metaphysischen Höhenfluges bei. Ein letzter Blick zurück: Gold, Trichter, Spiegelflächen, auch die (von mir noch nicht erwähnten) Totenköpfe, die symmetrisch angeordneten Wasserschalen und Kakteen betrachte ich mit herablassender Skepsis. Gleichzeitig langweilen meine eigenen Beurteilungs- und Einordnungskriterien mich: Ich beschließe, mir meine Kritik an „Glowing Core“ zu untersagen. Ein unnötiger Vorsatz: Schon jetzt – in diesem Augenblick – habe ich keine mehr. Ich bin süchtig. Und nicht bereit, auf etwas von dem, was ich gesehen bzw. wahrgenommen habe, zu verzichten.

Veröffentlicht in: Rebecca Horn. Glowing Core. Sankt Hedwigs-Kathedrale. Kerber Art. Bielefeld/Berlin 2019.